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Olympia bei ARD und ZDF

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Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in Hamburg stellten ARD und ZDF ihre Olympia-Berichterstattung vor. Das ambitionierte Rund-um-die-Uhr-Programm bei Das Erste und ZDF wird mit 50 Hörfunk-Programmen, bis zu sechs Live-Streams und – weltweit erstmals – einem 360-Grad-Live-Stream ergänzt.

Die 31. Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro vom 05. bis 21. August sehen die Fernsehzuschauer zum vorerst letzten Mal bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ARD und ZDF. Denn die Übertragungsrechte für die Olympischen Spiele 2018 bis 2024 hat sich Eurosport gesichert – richtig, der Sender auf dem schon mal Sportarten wie Snooker oder Darts laufen, die zumindest nicht die ganz breite Masse vom Sofa reißen. Doch woher nimmt der vermeintliche Nischensender die finanziellen Mittel?



Mit dem US-Medienkonzern Discovery im Rücken, der Eurosport 2015 übernommen hatte, konnte der von der EBU (European Broadcast Union) gegründete Sportsender die Übertragungsrechte für schlappe 1,3 Milliarden Euro erwerben. ARD und ZDF verhandeln nun mit dem einst belächelten Spartensender über Sublizenzen, mit denen Eurosport den Kauf der Übertragungsrechte teilweise refinanzieren möchte.

ARD Leiter OlympiaVor diesem Hintergrund möchten die Öffentlich-Rechtlichen noch einmal zeigen, was sie können – so der Tenor auf der Olympia-Pressekonferenz. Denn große Sportereignisse, so hob Volker Herres (Bild oben 2. v. l.), Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens hervor, hätten einen großen Wert für eine Gesellschaft, die sich zunehmend fragmentieren würde. Dieter Gruschwitz, Leiter der ZDF Hauptredaktion Sport, war sich sicher, dass  künftigen Olympiaden ohne umfassende Übertragung in ARD und ZDF keine so große Aufmerksamkeit zuteilwerde.

Für die Berichterstattung arbeiten ARD und ZDF technisch wie personell eng zusammen und wechseln sich dabei täglich in der Berichterstattung ab: Nach der vormittäglichen Highlight-Sendung, in der die Höhepunkte der vergangenen Nacht zu sehen sind, wird mittags zur Live-Übertragung an den jeweils anderen Sender übergeben. Die dauert von mittags bis zum frühen Morgen gegen 5:30 Uhr. Im Anschluss folgen dann das ARD- oder das ZDF-Morgenmagazin. Das Erste kommt so auf 170 Sendestunden, das ZDF auf 130 Stunden Olympia-Berichterstattung.

ARD OlympiaDie Moderatorenteams Alexander Bommes – Gerhard Delling, Michael Antwerpes – Jessy Wellmer (Bild oben) sowie Katrin-Müller Hohenstein, Rudi Cerne und Sven Voss auf Seiten des ZDF wechseln dabei ab. Sie werden von mehreren Experten unterstützt, darunter etwa Franziska von Almsick, Frank Busemann und Julius Brink.

Radio und Streaming – sogar mit 360 Grad

50 Hörfunkprogramme der ARD wollen ihr Augenmerk auf Athleten aus der jeweiligen Region lenken. Hinzukommen rund 1000 Stunden Live-Streaming für alle Endgeräte wie Smartphones und Tablets. Zusätzlich, so Carsten Flügel, ARD-Programmchef für die Olympischen Spiele 2016,  werden sechs Live-Streams angeboten, die sich auf HbbTV-fähigen TV-Geräten per Druck auf den „Red Button“ abrufen lassen. Zusätzlich soll sich in den Mediatheken der Sender „jederzeit alles“ per Video on Demand abrufen lassen, so Flügel. Dass ihre TV-Geräte per HbbTV (Hybrid Broadband Broadcast TV) Inhalte aus dem Internet beziehen könnten, wüssten bei weitem nicht alle Besitzer der etwa 25 Millionen HbbTV-tauglichen Endgeräte, die insgesamt verkauft wurden.

ZDF ProgrammchefinAnke Scholten, ZDF-Programmchefin für die Sommerolympiade, wies auf eine Besonderheit hin: Erstmals werde ein 360-Grad-VR-Live-Stream von den olympischen Spielen via Internet übertragen – eine Weltneuheit, betonte Scholten. Das ZDF hat mit der gerade sehr aktuellen VR-Technik bereits erste Sendungen produziert und Erfahrungen gesammelt. Der Zuschauer könne sich durch das zusätzliche Streaming-Angebot selbst einzelne Wettkämpfe herauspicken oder sich das zusammengestellte TV-Programme ansehen.



TV-Übertragungstechnik

Details zur TV-Übertragung erläuterte Dieter Thiessen, technischer Leiter der ARD. Thiessen konnte seit 2000 reichlich Erfahrung mit sportlichen Großveranstaltungen gewinnen und leitete dabei zuletzt die Übertragungstechnik der Winter-Olympiade in Sotschi sowie der Olympischen Sommerspiele in London. Das Technikkonzept für die Olympiade in Rio setzt auf eine effiziente Produktionsweise mittels Remote Produktion. Diese dezentrale Produktionsweise trennt Wettkampfstätten und Regie räumlich voneinander. Nur vor dem Olympia-Stadion João Havelange parkt ein Übertragungswagen des NDR. Bei allen anderen Sportstätten produziert der Host-Broadcaster OBS (Olympic Broadcasting Services) das sogenannte multilaterale Signal. Das umfasst die Entscheidungen der Wettkämpfe aus neutraler, also internationaler Sicht.

ARD OlympiaexpertenUm die landeseigenen Athleten ins Bild zu rücken, schicken ARD und ZDF Kamerateams in weitere vier Sportstätten – neudeutsch Venues genannt. Dies sind unter anderem die Schwimm-, Reit- und Ruderwettbewerbe, wo jeweils bis zu vier Kamerateams unterwegs sind. Sie behalten die deutschen Sportler im Blick und stehen natürlich für Interviews bereit. Diese unilateralen Signale werden in das Sendezentrum der IBC geliefert, wo zwei kleine und eine große Senderegie untergebracht sind. Von dort wird offenbar auch das Olympia-Studio für ARD und ZDF im Olympic Parc im Stadtteil Barra gesteuert, in dem die Moderatoren-Teams von ARD und ZDF zugange sind.

ARD OlympiaWährend die von OBS produzierten multilateralen Signale transparent – also unkomprimiert – in das IBC übertragen werden, nutzen ARD und ZDF für ihre unilateralen Signale den Intraframe-Codec JPEG 2000 (J2K) mit 250 Mbit/s. Diese Kompression gewährleiste auch noch nach sechs bis sieben Bearbeitungskopien eine ausreichende Qualität, so Thiessen. Von einer Übertragung mittels H.264/AVC habe man Abstand genommen. Insgesamt liege die sogenannte Roundtrip-Latenz – also über den Hin- und Rückweg gerechnet – für die Sportstätten in Rio unter einer Millisekunde. Die Programmsignale gelangen vom IBC mittels einer STM16-Datenleitung ebenfalls per Glasfaser nach Europa – wobei gleichzeitig zwei unterschiedliche Leitungswege für Redundanz sorgen. Die Datenleitung transportiert rund 25 Signale, sie umfasst alle Dienste wie TV-, Hörfunk- und Datenübertragung. Die Datenrate der STM16-Leitung beträgt dabei 2,49 Gbit/s. Die Latenz liegt um 100 Millisekunden – also gerade einmal eine Zehntelsekunde. Zusätzlich wird das Hautprogramm noch einmal via Satellit nach Deutschland übermittelt, um die Übertragung noch einmal abzusichern.




Dafür karren ARD und ZDF insgesamt gut 100 Tonnen Material nach Brasilien. Die Mobile Produktionseinheit (MPE) wird nach der Fußball EM (10. Juni bis 10. Juli) innerhalb von zwei Tagen abgebaut und von Luxemburg aus auf den Weg gebracht. So bleiben dem Olympia-Team von Ort, das mit Redaktion und Technik rund 480 Leute umfasst, etwa eine Woche für den Aufbau.

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Autor

Jan Fleischmann

Recording, Musikproduktion und Schlagzeug zählen ebenso zu meinen Interessen wie Medientechnik und Broadcast. Nach Stationen bei Tonstudio Zuckerfabrik, R&P Showtechnik & Veranstaltungsservice, SWR, WDR und Axel Springer arbeite ich als freiberuflicher Technikjournalist und Medieningenieur. Dabei biete ich Fachartikel, Produktbeschreibungen und Content-Marketing für Verlage und Unternehmen.

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