Praxistest Canon XC10

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Die XC10 war nicht zuletzt Canons Antwort auf die spiegellosen Systemkameras von Sony und Panasonic. Schließlich bedeuten sowohl die Sony Alpha- wie die Panasonic GH-Modelle eine Konkurrenz etwa zu der bei Videographen beliebten Canon EOS 5D.

Die Canon XC10 erschien bereits Mitte 2015. Ihr Design ist an das von Fotokameras angelehnt, sie wendet sich jedoch mit 4K- und HD-Videoaufnahme, Mikrofon- und Kopfhöreranschluss klar an Video-Filmer, die auch für Broadcast-Dokumentationen oder Features gerne mit Canon EOS D5 oder auch C300 arbeiten. Die XC10 war sicherlich Canons Antwort auf die spiegellosen Foto- und Videokameras von Sony und Panasonic. Doch anders als die Spiegelreflex- oder Systemkameras kommt die XC10 mit einem fest montierten 10-fach Zoom-Objektiv. Ich habe das Modell ein paar Tage ausprobieren können – ein Praxisbericht.



Anders als die DSLR-Modelle von Canon kann die XC10 ohne Spiegel auch keinen optischen Sucher aufweisen. Optische Sucher werden von Fotografen geschätzt, für Filmer sind sie leider weniger sinnvoll: Denn während der Videoaufnahme klappt der Spiegel einer DSRL hoch, der Sucher bleibt daher schwarz. DSLR-Videofilmer greifen deshalb gerne zu einem Sucheraufsatz für den Monitor, um mit der Kamera eine stabile Filmposition einzunehmen oder auch um bei hellem Tageslicht zu drehen. Diese Aufsätze, wie sie beispielsweise der US-amerikanische Zubehör-Hersteller Zacuto bietet, haben ihren Preis. Anders die XC10: Canon hat bei diesem Modell komplett auf einen Sucher verzichtet und liefert von vorneherein einen Sucheraufsatz mit. Über einen Spiegel lenkt der Aufsatz das Monitorbild auf eine kleine Suchermattscheibe. Dabei hat der drei Zoll / 7,66 cm große Bildschirm laut Datenblatt eine Auflösung von rund einer Million Pixeln.

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Zudem liegt im Kit ein Lithium-Ionen Akku mit einer Kapazität von 1.865 mAh. Nach zwei bis drei Stunden Betrieb entlud sich der Akku auf etwa ein Drittel des vollgeladenen Zustands. Im durchgehenden Filmbetrieb hält der Akku vier bis fünf Stunden durch. Danach muss die Kamera an die Steckdose: Das Ladegerät dient nämlich allein zum Anschluss der Kamera. Ein Konzept, das Canon häufig bei seinen Camcordern verfolgt. Doch der Nachteil liegt auf der Hand: Das Netzteil versorgt nur die Kamera, lädt bei eingelegtem Akku zugleich den Stromspeicher. Daher lässt sich ein zusätzlich erworbener Akku nicht parallel zur Fotosession laden. Canon bietet dafür ein zusätzliches Akku- Ladegerät vom Typ LCE-6 in seinem Zubehörprogramm, das rund 50 Euro kostet. Zusammen mit einer Streulichtblende, einem nützlichen Infrarot-Fernauslöser, USB- und HDMI-Kabel sowie einem Trageriemen kostet ein XC10-Kit um 1.800 Euro inklusive Mehrwertsteuer.

4K-Filmer sind damit keineswegs komplett ausgestattet. Denn während die XC10 Fotos und HD-Videos auf SD-, SDHC oder SDXC-Speicherkarten mit einer empfohlenen Geschwindigkeit von Class 10 ablegt, ist für 4K-Aufnahmen eine CFast 2.0 Speicherkarte Pflicht. Und die CFast-Karten sind verglichen mit SD-Karten deutlich kostspieliger. Eine 64 GB-CFast-Karte liegt bei knapp 100 Euro, für 128 GB muss der Filmer immerhin gut 160 Euro berappen. Hinzu kommt der passende Speicherkartenleser. Daher bietet Canon die XC10 gleich komplett als Kit mit 128 GB CFast-2.0-Speicher sowie einem CFast-Lesegerät. Die mitgelieferte SanDisk-Karte erreicht – laut Aufdruck – eine Lesegeschwindigkeit von 515 Mbyte pro Sekunde, was rund 4 Gigabit pro Sekunde entspricht. Das ist nah an der maximalen Transfergeschwindigkeit des CFast 2.0-Standards.Das Kit ist für rund 2.300 Euro erhältlich.

Gehäuse und Objektiv

Das Kunststoffgehäuse der XC10 fühlt sich nicht übermäßig robust an. Auch Drehräder und der Kunststoffauslöser vermitteln nicht die Widerstandsfähigkeit üblicher Profikamera-Gehäuse. Der Handgriff ist allerdings an den passenden Stellen gummiert, lässt sich somit auch mit verschwitzten Händen sicher greifen. Das Kunststoffgehäuse bietet zweifellos auch Vorteile: Die XC10 ist mit rund 930 Gramm eher ein Leichtgewicht, was beispielsweise für eine Verwendung als Drohnenkamera nützlich ist.

Der Clou ist sicher der um +/- 180 Grad drehbare Handgriff. Nicht nur der Griff lässt sich vertikal drehen, auch der berührungsempfindliche Bildschirm lässt sich um 180 Graf nach oben und auch nach unten klappen, um etwa bei einer tiefen Einstellung das Monitorbild zu kontrollieren, ohne sich auf den Boden zu begeben. Zur Seite lässt sich der Bildschirm jedoch nicht drehen. Das Festobjektiv deckt einen Brennweitenbereich von 27 – 270 Millimeter äquivalent zum Kleinbild-Fotoformat die meisten Anwendungen ab. Die Lichtstärke bleibt dabei nicht konstant, sondern verringert sich von f/2,8 im Weitwinkelbereich bis zu f/5,6 für die volle Televergrößerung. Ein eingebauter 1/8-ND-Filter reduziert die Lichtstärke um drei Blendenstufen. Eine Hilfe, um bei Sonnenschein die Blende weiter öffnen zu können.

Die Irisblende der XC10 ist mit 8-Lamellen ausgestattet, was für runde Unschärfekreise in den unscharfen Bereichen sorgt. Im Objektiv ist ein Shutter, ein mechanischer Verschluss eingebaut, der Rolling-Shutter-Effekte, also das Verzerren von sich schnell bewegenden Objekten, verringert. Das Objektiv verfügt über eine Kombination aus optischem und elektronischem Bildstabilisator.

Sensor und Auflösungen

Der von Canon speziell für die XC10 entwickelte 1-Zoll Sensor besitzt eine kleinere Fläche als beispielsweise Four-Thirds-Sensoren.  Die effektive Videoauflösung beträgt 8,29 MP (3.840 x 2.160), die Fotoauslösung der XC10 liegt bei 12 Megapixel (4000 x 3000). Zweifellos macht die XC10 auch ordentliche Fotos. Gewöhnungsbedürftig ist aber der leichte Kunststoff-Auslöser, der kaum Gegendruck bietet. Die Folge: Das leichteste Antippen löst sofort die Aufnahme aus. Doch für den Autofokus solle der Auslöser nur halb durchgedrückt werden – was sich nur durch hauchzartes Antippen erreichen lässt. Wer an den üblicherweise robusteren Auslöser einer Fotokamera gewohnt ist, dürfte ich schwertun. Ohne den Autofokus zuvor justiert zu haben, sind die Bilder der XC10 jedenfalls unscharf, wenn nicht die Kamera nicht zuvor längere Zeit auf ein unbewegtes Motiv gerichtet wurde. Denn der Autofokus versucht permanent zu fokussieren. Gegen den ernsthaften Fotoeinsatz sprechen zudem eine ellenlange Speicherzeit nach dem Auslösen sowie ein komplett fehlender Serienbildmodus. Für den Fotografen ist die XC10 schlicht zu langsam und für die professionelle Sportfotografie ganz sicher nicht geeignet.

Doch die XC10 wendet sich eben nicht an primär an Fotografen , sondern möchte vielmehr den professionellen Videofilmer überzeugen. Hier besitzt die XC10 besitzt beispielsweise gegenüber der Panasonic GH4 den Vorteil, dass sie Video intern mit 4:2:2 bei 8 Bit Signalquantisierung  aufzeichnet. Die meisten DSLM-Kameras tasten die Farbsignale lediglich mit 4:2:0 ab, was die Farbinformationen noch einmal halbiert. Nachteile erwachsen dadurch besonders bei der Nachbearbeitung, weshalb im professionellen Bereich eine Aufnahme mit 4:2:2-Abstastung angestrebt wird. Abhilfe bieten bei vielen DSRL- oder Systemkameras externe Recorder, etwa von Atomos, die per HDMI-Eingang 4:2:2-Signale speichern. Denn viele DSLM-Kameras geben die Videosignale per HDMI mit 4:2:2 aus, obwohl sie intern nur 4:2:0 speichern.

P1020851Zur Wahl stehen bei der XC10 drei SD- und zwei UHD-Qualitätsmodi: 25p und 50i-HD-Videos speichert die XC10 mit jeweils 35 Mbit/s auf SD-Speicherkarten. Bei 50p-HD-Aufnahmen fallen 50 Mbit/s an. In UHD-Qualität sind einmal Bildfrequenzen von 25p mit 205 Mbit/s verfügbar sowie mit 305 Mbit/s – die beste verfügbare Videoqualität. Als Aufnahmeformat stehen MXF für UHD und HD im Angebot (das professionelle Material Exchange Format) sowie MP4 für HD-Aufnahmen. In beiden Fällen wird der Videocodec XF-AVC verwendet, eine von Canon entwickelte Variante des MPEG-4 AVC/H.264 Codecs. Für UHD- und HD-Aufnahmen bietet die XC10 von zweifach bis zu 1200-fach flottere Aufzeichnungsgeschwindigkeiten, womit sich starke Zeitlupen-Effekte erstellen lassen- Zeitraffer Aufnahmen gelingen dagegen nur bei HD-Auflösungen in einer halben- oder viertel Bildfrequenz.

Bedienung

Die Menüs lässt es sich mit einem kleinen Joystick steuern, was etwas fummelig ist. Zudem gelingt die Bedienung per Touch-Screen-Monitor. Ein Programmwahlrad erlaubt die Auswahl von Voll-, Programm-, Blenden- oder Zeitautomatik sowie die Wahl von Motivprogrammen. Das Zoom lässt sich durch Drehen am Objektiv einstellen, ebenso der Fokus, sofern der Wahlschalter links am Objektiv auf manuellen Fokus steht.

Als Anschlüsse verfügt die XC10 über einen 3,5-mm Kopfhöreranschluss im Griff auf der rechten Seite, links befindet sich eine 3,5-mm-Mikrofonbuchse, ein Mini-HDMI- sowie ein USB-Anschluss. Darunter liegt die die Buchse für das Netzteil. Als Audiomodi fanden sich im Menü lediglich Kompressor aus, Low, High, aber keine manuelle Aussteuerung.

Fazit

Die XC10 wendet sich an professionelle Videohersteller, sowohl was die Aufnahmeformate wie den Preispunkt betrifft. Mit ihrer nicht ganz überzeugenden Fotofunktion ist sie für den Webvideografen dagegen kein universelles Multimedia-Werkzeug. Zudem lässt sich das Objektive nicht wechseln. Zwar deckt die vorhandene Optik den wesentlichen Brennweitenbereich ab. Doch für die Bildgestaltung kann etwa ein lichtstärkeres Objektiv oder beispielsweise eine Cine-Optik weitere Gestaltungsspielräume öffnen. Beispielvideos folgen in Kürze.

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Autor

Recording, Musikproduktion und Schlagzeug zählen ebenso zu meinen Interessen wie Medientechnik und Broadcast. Nach Stationen bei Tonstudio Zuckerfabrik, R&P Showtechnik & Veranstaltungsservice, SWR, WDR und Axel Springer arbeite ich als freiberuflicher Technikjournalist und Medieningenieur. Dabei biete ich Fachartikel, Produktbeschreibungen und Content-Marketing für Verlage und Unternehmen.

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