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Thomas Riedel: Eine Revolution in Richtung IP

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Was haben schnelle Autos mit Kommunikation zu tun? Genau genommen sehr viel. Und so ist Thomas Riedel über seine Kommunikationstechnik seit fast 25 Jahren eng mit der Formel 1 verbunden. Ein Interview im Fahrerlager.

Der Name des von Thomas Riedel gegründeten und geleiteten Unternehmens Riedel Communications ist Programm: Seine Kommunikationssysteme sind fester Bestandteil der Königsklasse des Motorrennsports. Und nicht nur dort – seine Systeme finden sich ebenso im Rundfunk, in Theatern und weltweit auf Großveranstaltungen – wie eben der Formel 1. Im Fahrerlager in Hockenheim, im Compound der FIA direkt am Eingang zur Boxengasse treffe ich Thomas Riedel zum Gespräch. Im Inneren des Aufliegers sind beidseitig schlichte graue Werkbänke angebracht, auf denen verstreut Lötkolben, Platinen, Stecker und allerlei weitere Utensilien herumliegen.



Wo befinden wir uns eigentlich genau?

Thomas Riedel: Auf Deutsch gesagt: Das ist die Werkstatt. Wenn jemand ein Headset oder ein Funkgerät braucht, etwas verändert oder repariert werden muss, ein Ersatzteil nötig ist, dann bekommt er das hier. Hier steht eine Werkbank, auf der man schnell etwas programmieren kann. Die Leute können sich auch hier aufhalten, mal hinsetzen und ihre E-Mails checken – von der Funktion ganz ähnlich wie das, was die Teams auch haben. Die Ingenieure der Teams müssen sich auch irgendwo hinsetzen und in Ruhe arbeiten und nicht nur am Auto schrauben.

Sie statten die Formel 1 bereits länger aus. Sind Sie mit der Formel 1 gewachsen?

Riedel: Ja, ich würde sagen, parallel zum Wachstum der Formel 1 sind wir auch gewachsen und wir sind auch mit der Formel 1 gewachsen. Das Ganze ging im Übrigen hier in Hockenheim los. Ich habe, das war meine ich 1992, das allererste Mal den großen Preis von Deutschland ausgestattet. Da ging es noch gar nicht um die Teams. Da ging es nur um die Streckenposten und die Race Control für den AVD, also den Automobilclub von Deutschland. Da kam ich rein und hatte noch gar keine Ahnung, was das überhaupt ist, die Formel 1. Ich hatte mir vorgestellt, Motorsport, das sind ölverschmierte Overalls, und habe die älteste Hose angezogen, die ich zu bieten hatte. Dann stand ich irgendwann vor dem Chef vom AVD, der etwas anders gekleidet war. Er musterte mich von oben bis unten und sagte: „Soso, Sie sind also der Herr Riedel.“

Hatten Sie damals schon ein selbstentwickeltes Riedel-System?

Riedel: Das war damals Funktechnik von Motorola, also noch keine wirklich eigenen Produkte. Wir haben ja bis heute den weltweit größten Mietpark an Funktechnik, der 40.000 Funkgeräte umfasst. Das hatten wir damals schon, nur viel kleiner. Da sind wir mit den Funkgeräten angerückt, haben die Antennen auf dem Dach aufgebaut und dafür gesorgt, dass der Funk rund um die Strecke funktioniert.

Hier sind gut 2000 Funkgeräte im Betrieb. Die Sendeeinheiten müssen aber nicht von Motorola sein, welchen Funkstandard verwenden Sie?

Riedel: Der Funkstandard heißt Tetra. Das ist ein digitaler, europäischer Funkstandard, so etwa wie GSM im Mobilfunkbereich. Das könnten auch andere Terminals sein. Wie setzen hier allerdings fast ausschließlich Motorola ein. Doch neben dem Funk benutzen wir sogenannte Intercom-Systeme, das sind drahtgebundene Gegensprechanlagen, so der deutsche vollständige Begriff dafür. Die Leute, die diese nicht kennen, sehen sie dennoch ständig: Denn an der Boxenmauer drücken die Ingenieure regelmäßig auf Geräte mit roten Leuchtdisplays. Das sind die Systeme, die wir in Wuppertal entwickeln, bauen und hier in die Formel 1 verkaufen, vermieten und auch mit diesen Funksystemen vernetzen. Die gleichen Geräte würden Sie auch finden, wenn Sie zum ZDF ins Studio gehen, zur ARD, zu RTL, zur BBC oder zu ESPN in den USA – das ist völlig egal. Das alles sind Kunden von uns und wir sind der Hersteller dieser Geräte.

Riedel Artist

Riedel-Artist-Sprechstelle im MCR von Wige Broadcast am Hockenheimring

Intercom, Kommandoanlage, IFB – ist das alles dasselbe?

Riedel: Der Begriff Intercom beschreibt das Gesamtsystem. Der Begriff Kommandoanlage ist ein klassisch-deutscher Broadcastbegriff. Die technisch-deutsche Bezeichnung wäre Gegensprechanalage. Das beschreibt alles das Gleiche. Doch der Begriff IFB bezeichnet etwas anderes. Das geht’s um einen Ohrstöpsel, auf dem ich ein Signal habe wie beispielsweise ein Programmsignal. Also ein Moderator hört den Programmton, damit er mitbekommt, was gerade passiert. Wenn ich den jetzt mit einem Kommando kurz anspreche, senkt sich das Programmsignal ab und wird danach wieder angehoben. Das ist der Begriff Interrupted – also unterbrochen – und Foldback, es kommt zurück. Es wird aber gerne auch IFB nur als Kürzel dafür benutzt, einen Ohrstöpsel zu haben, obwohl der Begriff genau genommen präzise-technisch beschreibt, dass ein Signal weggeht und danach wiederkommt. Aber das ist ein bisschen kompliziert.

Aber die Begrifflichkeiten sind da nicht so entscheidend. Viel wichtiger ist, dass egal, ob es sich um die Formel 1 dreht, ob das die Olympischen Spiele sind, ob das eine Fernsehshow oder der Eurovision Song Contest ist –, dass all diese Events etwas gemeinsam haben: Dass im Hintergrund ein Nervensystem erforderlich ist, das dafür sorgt, dass dieser Event funktioniert. So wie wir im Körper ein Nervensystem haben, das die Kommandos aussendet – da haben wir die Kommandoanlage wieder – so ist das bei einer Intercomanlage für all diese Events. Wer sorgt dafür, dass der Künstler zum richtigen Zeitpunkt auf der Bühne steht, wer sorgt dafür, dass der Einsatz im Theater passt oder der Fahrer in der Formel 1 auf seinem Ohr die richtige Information bekommt. Das ist alles Funk- und Intercom-Technik, und das ist das, was wir machen.

Riedel Artist

Riedel Kommunikationstechnik im Rennstall von Mercedes AMG

Im Theater heißt es wieder anders – Inspizientenanlage.

Riedel: Genau, da ist es nämlich der Inspizient, der die sogenannte Inspizientenanlage benutzt. Das ist im Kern aber das Gleiche in grün.

Können Sie das Riedel-Engagement am Hockenheimring einmal skizzieren?

Riedel: Alle Teams benutzen unsere Intercom-Systeme. Jedes Team ist ein eigener Kunde für uns, es ist nicht so, dass sie unser System benutzen müssen. Die Teams haben das irgendwann entschieden, dass sie mit uns arbeiten wollen, und jedes Team ist jedes Jahr darin frei, welches System es benutzen möchte. Wir beliefern aber alle Teams, und das freut uns natürlich. Damit hat jedes Team ein Intercom- und auch ein Funksystem. Dazukommt, dass auch die FIA als sportliche Kopforganisation ein System braucht. Das verbindet die FIA mit den Teams. Der Charlie Whiting kann während des Rennens mit den Team Principals sprechen und umgekehrt. Das geht über unser System, das quasi das übergeordnete FIA-System ist.

Dann gibt es die Broadcaster, also RTL, ORF und so weiter – und die benutzen auch unsere Intercom-Systeme, aber wieder getrennt. Dann gibt es viel, was remote – also aus der Ferne – passiert. Die Teams haben fast alle noch einmal ein Setup in ihren Fabriken, was zeitgleich arbeitet und wir über unsere eigenen Glasfaserleitungen anbinden. Das ist ein eigener Service von uns, dass wir auch solche Weitverkehrsverbindungen machen. Wenn man da jemanden anspricht kann man gar nicht unterscheiden, ob er nebenan im Truck sitzt oder mehrere tausende Kilometer weit weg in Italien oder England.

Das ist alles in erster Linie Sprachkommunikation. Aber inzwischen vernetzen wir nicht nur Menschen, sondern auch Dinge. Das ist dann die Datenkommunikation. Früher wurden Dokumente händisch von der Race Control von einem Runner zu den Teams transportiert. Das heißt, ein Briefträger trägt ein Papier dahin, was dann von Hand quittiert wurde. Das ist etwas old fashioned. Wir haben heute Server-Systeme, mit denen Dokumente gesichert und mit Zeitstempel versehen aus der Race Control rausgehen bei den Teams elektronisch ankommen und die auch bestätigen, dass sie es bekommen haben. Quasi ein spezielles Formel-1-Einschreiben, würde ich es mal nennen. Das ist ein System, das wir entwickelt haben. In dem weißen Container ist die Zentrale dafür untergebracht. Da sieht man, was dafür an Server-Technik notwendig ist. Das Netzwerk hier ist mit mehr Komponenten aufgebaut, als in den meisten Unternehmen zu finden sind.

Riedel Artist

Riedel-Artist-Sprechstelle im Rennstall von Force India

Riedel ist also wesentlich mehr als die Artist, das Mediornet, das Rocknet?

Riedel: Ganz eindeutig. Wir nutzen natürlich unsere eigenen Produkte. Aber in der Formel 1 integrieren wir Gesamtlösungen, die sehr spezifisch auf diesen Sport zugeschnitten sind. Das macht unser Arbeiten hier aus. Wir sind mit etwa 20 Leuten vor Ort, in den Garagen, in der Race-Control, im Stewarts-Raum, im TV Compound mit eigenen Leuten, die die Kunden betreuen und teilweise auch die Systeme bedienen.

Dann konfigurieren Sie die Server beispielsweise auch selbst?

Riedel: Absolut, wir haben die IT-Experten hier. Wir bauen natürlich keine eigenen Server – die kommen von HP oder anderen Herstellern. Aber wir schreiben eigene Software und haben vor allem eigene IT-Experten. Man muss dazu sagen, unsere gesamte Event- und Broadcast-Branche ist in einem kompletten Umbruch. Das ist keine Evolution, sondern eine Revolution in Richtung IP. Wir profitieren maximal davon, dass wir heute bereits über IP-Know-how aus vielen anderen Bereichen verfügen, nämlich zum Beispiel aus der Formel 1. Das hilft uns extrem, weil wir glauben, dass die größte Herausforderung für Fernsehen und Event in den nächsten Jahren sein wird, wie man dieses Know-how in die Breite bekommt. Da sehen wir, dass wir hervorragend vorbereitet sind.

In die Breite heißt: in viele Rundfunkanstalten?

Riedel: Im Prinzip muss dieses Know-how überallhin. Wer heute mit IP anfängt zu arbeiten, merkt, oh, ich brauche ja einen IT-Experten auf dem Ü-Wagen. Und wenn ich das im Theater mache, werde ich auch im Theater plötzlich einen IT-ler brauchen, und zwar nicht nur dafür, dass mein WLAN funktioniert und vielleicht noch das EAP- und Ticketsystem. Dann wird ohne einen IT-Experten die Vorstellung nicht mehr laufen. Das ist alles nicht so weit weg. Diese Systeme müssen ja so beherrscht werden wie heutige Systeme auch. Weil in dem Moment, in dem Ton und Bild oder Video oder Licht mal nicht mehr funktionieren, ist Schluss mit lustig. Dann gibt es keine Show mehr.

Momentan gibt es verschiedene Hersteller und verschiedene Lösungen. Da gibt es SMPTE-Standards, ein MediorNet von Riedel, ein V-Link von Lawo. Wo sehen Sie die Reise hingehen?

Riedel: Zunächst muss man sehen: Gerne wird das genauso im Mix genannt, wie Sie das jetzt machen. Aber genau genommen muss man das ein bisschen strukturierter betrachten. MediorNet auf unserer Seite kann man als proprietäres System sehen, aber genau genommen ist es das gar nicht. MediorNet verfügt heute bereits über IP-Schnittstellen und wird davon immer mehr bekommen. Deswegen gibt es aber trotzdem Schnittstellen, mit denen man Geräte proprietär verbinden kann. Es ist völlig klar, dass wir für unsere Systeme – egal, ob ich über unserer MediorNet oder unsere Intercom-Systeme spreche – über eine Roadmap verfügen, unseren Kunden, in der Geschwindigkeit, in der sie das benötigen, eine Migration in Richtung IP ermöglichen.

Da werden wir auf der nächsten IBC massiv etwas dazu zeigen. Im Markt gibt es momentan eine große Verunsicherung. Es gibt eine sehr große Investitionszurückhaltung. Man will in traditionelle Technik nicht mehr investieren. Aber das, was IP ist, funktioniert noch nicht so richtig. Man ist momentan dazwischen und sucht förmlich nach Lösungen, die möglichst viel dieser Zukunft haben, zumindest per Upgrade zukunftssicher sind, und gleichzeitig das gesamte Feature-Set der Vergangenheit haben. Ich sage immer, das MediorNet ist im Kern als Story ein Migrationspfad in Richtung IP. Das ist von Anfang an die Idee gewesen.

Wenn wir über die SMPTE-Standards reden, ist das wieder ein Layer höher. Denn wenn wir über IP reden, dann reden wir über Layer 3. Diese SMPTE-Standards setzen wieder darauf auf, die sind ein Layer darüber, aber schon auch IP. SMPTE 2022-6 ist so ein Stichwort, wenn ich da einen Schritt weitergehe, dann würden wir über TR-04 und TR-03 reden, und in der nächsten Konsequenz ist es SMPTE 2110.

Woher nehmen Sie die Einschätzung?

Riedel: Das kann man sich in der AIMS-Roadmap angucken. Wir sind inzwischen auch AIMS-Member und glauben, dass das eine sehr vernünftige Richtung ist.

Was glauben Sie, wie lange es dauert, bis man ein klassisches Rundfunkhaus komplett mit IP betreibt?

Riedel: Ich glaube, es gibt zwei verschiedene Antworten darauf. Wann ist das technisch möglich, und wann macht es wirklich im Ganzen Sinn. Es ist nicht nur die Frage der Möglichkeiten der Geräte. Man muss sich auch die Frage stellen, was ist mit den Menschen, die das bedienen, was ist mit den Prozessen, was ist mit der Wirtschaftlichkeit des Ganzen. Ich glaube, dass noch fünf bis zehn Jahre vergehen, bis das wirklich überall eingezogen ist und man sich nicht mehr die Frage stellen muss, mache ich das so oder so. Aber in den nächsten drei, vier Jahren wird man schon in der Lage sein, komplette IP-Infrastrukturen zu bauen. Das ist jetzt gerade die Phase, wo das anfängt. Im Moment sind das Hybrid-Lösungen. In den nächsten fünf Jahren wird das möglich werden, aber es wird nicht überall gemacht werden. Weil die Menschen, die das betreiben müssen, die kann ich nicht einfach nochmal auf die Uni schicken. Denn die können die klassische Broadcasttechnik bedienen, sind aber keine IT-Spezialisten. Das heißt, vieles wird erst mit dem nächsten Generationswechsel stattfinden. Und das wird einfach Zeit brauchen.

Deswegen glaube ich, die wirkliche Übergangsphase wird die nächsten zehn oder fünfzehn Jahre andauern, während die technischen Möglichkeiten eigentlich schneller verfügbar sind. Auf der Herstellerseite wird der Schlüssel darin liegen, die IP-Technik für den Kunden so einfach wie möglich zu gestalten. Das machen wir uns zur Aufgabe: Wir wollen, dass sich für die Kunden die Frage gar nicht mehr stellt. Das heißt, ich muss gar nicht mehr der Experte sein, sondern das System macht das. Das heißt, wir managen die Komplexität für den Kunden. Das sehen wir als unsere Kernaufgabe.

Riedel MediorNet MicroN

Riedel MediorNet MicroN auf der Prolight + Sound 2016

Das MediorNet ist als Kreuzschiene also durchaus für ein großes Funkhaus geeignet?

Riedel: Da werden Sie dieses Jahr noch ein paar große Installationen in Deutschland sehen. Das MediorNet ist ja extrem erfolgreich. Es sind mehr als 3000 Systeme im Markt. Wir haben jetzt die ersten großen Installationen gemacht, wo komplette Kreuzschienen ersetzt wurden. Da merken wir, dass es genau diesen Zeitgeist trifft. Weil es als dezentrales Netzwerk mit Signaltransport, Processing und Kreuzschiene genau das macht, was ich von einer modernen Netzwerklösung haben will. Und dazu noch mit einem Feature-Set, was ich heute bei einem reinen IT-System nicht habe: nämlich Plug and Play. Und dieses Plug and Play ist das, was die Leute wollen. Entscheidend ist, dass ich ankomme, das System einstecke, und dann läuft es. Und nicht, dass ich das System erst konfigurieren muss. Denn diese Zeit habe ich typischerweise nicht. Da kommt dann die Wirtschaftlichkeit ins Spiel.

Unter dem Strich muss man sich die Frage stellen: Welchen Sinn macht es eigentlich, solche Systeme einzusetzen, wenn es komplizierter und aufwendiger wird. Wieso will man denn eine neue Technologie haben? Ein Grund ist, dass ich damit etwas kann, was ich vorher nicht konnte. Ein zweiter Grund sind die Kosten, das heißt, es wird günstiger. Was ich aber sehe ist, dass es einen riesigen Hype um die rein IT-basierten Systeme gibt. Dabei gibt es inzwischen Konsens, dass diese Systeme rund 50 Prozent teurer sind. Im Übrigen sind auch die operativen Kosten höher. Schauen Sie sich nur einmal an, was ein IT- Freelancer am Tag kostet. Da sind Sie bei 1000 Euro und mehr. Ein Broadcaster-Techniker liegt bei 350 Euro Tagessatz. Da kann man sehen, dass sowohl OPEX wie CAPEX erstmal höher sind. Das heißt, das Kostenargument fällt weg.

Gleichzeitig merke ich in reinen IT-Systemen: Wenn ich kurz vor der Show stehe und noch etwas ändern möchte, sagen die IT-Techniker: „Nee, das fasse ich nicht mehr an.“ Das ist aber nicht die Praxis. Die Praxis ist, dass noch während der Show die Konfiguration geändert wird. Das heißt, das System kann nicht mehr, ist dabei teurer, und beide Kernargumente für komplette IT-Medientechnikstrukturen sind weg.

Und die Betriebssicherheit ist vermutlich auch nicht höher?

Riedel: Dazu gibt es eine klare Aussage. Die Betriebssicherheit von solchen Systemen ist geringer, als die der bisherigen Technik. Das wird gerne ignoriert. Denn es ist derzeit total hip, etwas mit IP zu bauen und zu sagen, ich baue jetzt einen IP-Ü-Wagen. Ich weiß nicht, wie viele Ü-Wagen weltweit sich IP-Ü-Wagen nennen. Gesehen habe ich noch keinen. Das ist eine Marketingblase.

Sie haben vor kurzem einen Ü-Wagen mit MediorNet ausgestattet.

Riedel: AMP VISUAL TV – genau, mit MediorNet ausgestattet. Natürlich spielt am Ende auch IT eine Rolle. Aber im Kern ist das keine sogenannte COTS-Infrastruktur (Common of the Shelf, d. Red.). Das ist es genau nicht. Denn die COTS-Infrastruktur kann das in der Form noch nicht. Diese Geräte sind von ihrer Geräuschentwicklung, ihrer Einbaugröße, ihren Belüftungskonzepten überhaupt noch nicht geeignet, in einem Ü-Wagen eingesetzt zu werden. Von den Kosten spreche ich gar nicht.

AMP VISUAL TV Millenium Signature 12

Flaggschiff Millenium Signature 12 von AMP VISUAL TV auf dem 24h-Rennen von Le Mans.

AMP VISUAL TV _Millenium Signature 12

Der Millenium Signature 12 von innen. Der Übertragungswagen wurde mit Riedel MediorNet ausgestattet.

Kommen wir noch einmal auf die Formel 1 zurück. Was ist die Besonderheit Ihrer Infrastruktur hier am Hockenheimring?

Riedel: Die Besonderheit unseres Systems hier ist, dass es genau genommen überhaupt nichts Besonderes ist. Das Intercomsystem, was wir hier einsetzen, ist genau das gleiche Artist-System wie es in jedem Theater und in jeder Fernsehanstalt läuft. Und das ist auch das, was uns stolz macht. Weil wir bei 4500 Artist-Systemen im Markt nicht ein einziges haben, was eine spezielle Software benötigt. Das beinhaltet die Formel 1. Wir haben immer alle Features, die benötigt wurden, in die eine Software eingebracht. Die Kunden haben alle die gleiche Lösung. Jedes Feature, was wir für die Formel 1 entwickeln, bekommt auch ein Kunde in einem Theater wie dem Sydney Opera House oder dem Bolschoi Theater sitzt oder bei RTL oder bei der BBC oder NBC. Das ist eigentlich das Besondere. Etwas so einfach zu machen und gleichzeitig so universell. Das ist genau der Trick zu sagen, ich entwickle eben nicht etwas so speziell, dass es beispielsweise nur für die Formel 1 funktioniert. Ich glaube, dass das so ein bisschen das Geheimnis hinter dem Produkterfolg ist.

Reifen Formel 1

Pirelli-Reifen am Rennstall von Force India

Kommen wir zu Ihren Weitverkehrsanbindungen. Was ist der Unterscheid zwischen MPLS und Ihrem Rilink?

Riedel: Genau genommen gibt es keinen Unterschied – RiLink ist unser Markenname für unser MPLS-Netz. Wir sind ein ganz kleiner Telko-Betreiber, klein aber fein, da sind wir eine kleine Boutique. Das macht unser Angebot aus: Man wird extrem individuell und schnell bedient, und nicht so wie in einem großen Kaufhaus. Wenn ich zu einem großen Telko-Betreiber gehe, dann bekomme ich das, was ich da erwarten kann. Dieser Bereich möchte aber nicht, dass bei einer Störung ein Ticket eröffnet wird, und eine Woche später bekomme ich einen Anruf. Das muss genau jetzt passieren, egal ob es ein Problem ist oder eine neue Anforderung. Genau das machen wir in dem Bereich.

Ist das ein jüngeres Geschäftsfeld?

Ja, genau genommen muss man sagen, ist das das Geschäft der Riedel Networks, nicht der Riedel Communications. Das war mal ein Lieferant von Riedel, der ins Trudeln geraten ist und den wir ihn dann übernommen haben. Nicht ganz freiwillig – ich wollte einfach vermeiden, dass ich mitten in der Saison meinen Lieferanten verliere. Dann haben wir die Firma übernommen und unbenannt.

Das war also keine strategische Entscheidung für ein neues Geschäftsfeld?

Riedel: Man sagt mir nach, dass ich manchmal Dinge tue, die nicht so strategisch durchdacht sind. Man könnte sie einfach Opportunitäten nennen. Es gibt eine Anzahl von solchen, die aus heutiger Sicht durchaus Meilensteine der Firmenentwicklung sind. Also macht das auch ein bisschen unsere Kultur aus, dass wir so sind.

Weitverkehrsnetze sollen sich also nicht zum künftigen Kerngeschäft entwickeln?

Riedel: Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass ich völlig strategielos durch die Welt laufe. Das ist überhaupt nicht der Fall (lacht). Aber man darf’s auch nicht umgekehrt sehen. Es gibt einfach Dinge, die passieren. Man muss sich ab zu mal bücken und einen Stein aufheben und schauen, was darunter ist – das kann auch nicht schaden.

Was sagen Sie den Broadcastleuten, denen das Know-how für das IT-Zeitalter fehlt – Nachrichtentechnik beispielsweise umfasst doch auch IT?

Riedel: Die Leute intern haben meistens nicht das tiefe IT Know-how. Natürlich sehe ich in der IT-Entwicklung eine große Möglichkeit für zukünftiges Geschäft. Aber ich bremse die Leute, die sagen, das muss jetzt sofort alles so sein und so gehen. Dann warne ich davor, dass wir uns alle gemeinsam eine blutige Nase holen. Das muss Step by Step gehen, und man sollte sich eher fragen, was möchte ich denn machen, und wie sieht der Weg aus, als heute zu sagen, ich will jetzt sofort da sein. Und ich glaube, dass wir für den Weg auch Lösungen haben. Die heißen eben MediorNet oder auch Artist. Das ist, glaube ich, wichtig.

Ich nehme an, dass Sie zumindest kein reiner IT-ler sind?

Riedel: Ich habe knapp mein Abitur geschafft und nichts gelernt. Meine Schule ist learning by doing. Ich interessiere mich für die Dinge und schaue mir sie an. Am Ende muss man sich mit den Dingen halt beschäftigen. Das hört leider nie auf, vielleicht auch Gott sei Dank. Aber es ist schon anstrengend sich damit auseinanderzusetzen, wo beispielsweise die Unterschiede zwischen den verschiedenen Standards liegen. Als ich mit der Schule fertig war, dachte ich, jetzt ist das mit dem Lernen vorbei. Aber das ist leider umgekehrt: Da geht’s erst richtig los.

Vielen Dank.

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Autor

Jan Fleischmann

Recording, Musikproduktion und Schlagzeug zählen ebenso zu meinen Interessen wie Medientechnik und Broadcast. Nach Stationen bei Tonstudio Zuckerfabrik, R&P Showtechnik & Veranstaltungsservice, SWR, WDR und Axel Springer arbeite ich als freiberuflicher Technikjournalist und Medieningenieur. Dabei biete ich Fachartikel, Produktbeschreibungen und Content-Marketing für Verlage und Unternehmen.

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